Interview

Deutschlands renommierter Zukunftsforscher hat für die Rentner von morgen Positives zu vermelden: Schon bald wird es eine ganz neue Kultur des Alterns geben: aktiv, intelligent und genussfreudig. Kurzum: jung geblieben.

Die Themen Alter und Überalterung haben vor allem bei uns in Deutschland einen direkt angsteinflößenden Beigeschmack. Wird wirklich alles so schlimm kommen?

Das Problem unserer negativen Wahrnehmung fängt schon bei den Begriffen an. Warum sagen wir „Überalterung?‟ Wer definiert das „Über‟? Die Alterung hat ja zwei Dimensionen. Die erste ist: Es gibt weniger Kinder. Das ist zwar richtig, aber wer sagt denn, dass das so bleiben muss? Praktisch alle europäischen Ländern um uns herum hatten vor zehn, zwanzig Jahren niedrigere Geburtenraten als wir in Deutschland. Heute werden dort wieder sehr viel mehr Kinder geboren! Und auch wir wissen inzwischen, wie man die Geburtenrate ansteigen lassen kann: Gute Ganztagsschulen, bessere frühkindliche Betreuung und eine flexible Arbeitswelt, in der Männer auch Karriere machen können, ohne 14 Stunden im Büro zu verbringen. Das zweite ist der Aspekt des demographischen Wandels: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Deutschen steigt – jedes Jahr um etwa zehn Wochen. Immer mehr Menschen erleben immer längere Lebensspannen. Noch vor 100 Jahren starb man bereits im Alter von 40 bis 50 Jahren. Heute geborene Kinder werden im Schnitt um die 80 Jahre.

Herr Horx, wie wird man in 30, 40 Jahren als älterer Mensch in Deutschland leben?

Ein Megatrend unserer Zeit ist die Individualisierung. Abhängigvom individuellen Lebensstil werden die Alten der Zukunft mal als Singles, mal in Wohngemeinschaften, mal in Hotels oder in intergenerativen Siedlungsprojekten neuen Typs wohnen. Es wird 100-Jährige auf Weltreise geben, aber auch weiterhin Menschen,die sich mit 50 vor den Fernseher setzen und dann 30 Jahre durch Medikamente überleben. Doch die letztere Gruppe wird deutlich kleiner sein als heute. Diese Anfänge einer „Alters-Emanzipationsbewegung‟ sind heute bereits sichtbar. Die Menschen planen das Alter immer kompetenter. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung und vieles deutet auf einen sogenannten „Fitness-Shift‟ hin: Durch einen gesünderen Lebenswandel und den Rückgang der harten körperlichen Arbeit bleiben wir länger fit. Auch deshalb wird das Lebensgefühl mit jeder neuen Seniorengeneration jünger. In der Trendforschung sprechen wir auch vom „Downaging-Effekt‟.

Welche technologischen Errungenschaften werden uns das Altsein erleichtern?

Natürlich kann man Monitorprogramme zur Betreuung chronisch Kranker einsetzen. Es wird auch noch wirksamere Medikamente geben. Aber auch die Segnungen der Chemie sind begrenzt und bewirken ja schon heute manchmal das Gegenteil. Deshalb sage ich, dass erfolgreiches Altern im Kern ein sozialer Prozess ist: Das größte Krankheitsrisiko ist Einsamkeit und Sinnlosigkeit und die entscheidende Frage wird sein, wie wir mit Jung und Alt neu zusammenleben können. Die neuen Mehrgenerationenhäuser gehen da ja schon mit gutem Beispiel voran.

Sie sprechen oft von dem „zweiten Aufbruch‟, der für die neuen Alten möglich wird.

Der IST bereits möglich! Wir erleben doch heute schon oft, dass 70-Jährige auf Weltreise gehen oder 65-jährige Frauen sich scheiden lassen, um sich ganz ihrer Selbstverwirklichung zu widmen. Vor 30 Jahren, im ausgehenden Wirtschaftswunder, war das Rentenalter noch gänzlich mit „auf der Parkbank sitzen‟ verbunden. Heute wissen wir, dass Untätigkeit im Alter einen frühen Tod bewirkt. Demenz zum Beispiel wird zu einem hohen Maße durch Passivität und Bewegungslosigkeit verursacht. Die Anleitung zum „gelungenen Altern‟ dagegen ist es, aktiv zu bleiben, sich Aufgaben setzen, Ziele verfolgen.

Wird dieser „Altersaufbruch‟ für Frauen und Männer unterschiedlich sein?

Frauen tun sich allgemein oft leichter damit, neue Lebensentscheidungen zu wagen. Hinzu kommt, dass in den nächsten Jahren die „Babyboomer‟ die 60-Jahres-Grenze überschreiten werden. Das ist die Generation von Frauen, die bereits ein modernes, emanzipatives Selbstverständnis hat. Sie werden sich nicht mehr so ohne Weiteres um ihre mürrischen, alternden Ehemänner kümmern. Das werden Frauen und Männer neu aushandeln müssen. Männer leben im Durchschnitt riskanter, ungesünder und ignoranter ihrem Körper gegenüber. In Ländern, in denen die Emanzipation weiter fortgeschritten ist als in Deutschland, erleben wir schon heute eine allmähliche Annäherung der Lebenserwartungen von Männern und Frauen. Das ist also nichts biologisch Vorprogrammiertes, sondern eine kulturelle Ausformung.

Werden wir nicht ohnehin alle länger arbeiten müssen?

Die Frage ist doch, ob das immer ein „Müssen‟ ist, und ob es nicht individuell sehr verschieden sein wird. Ein Dachdecker wird nicht bis 68 arbeiten können. Aber ist nicht die Idee, ein ganzes Leben in derselben Tätigkeit zu verbringen, ohnehin eine überholte Vorstellung? Warum kann er nicht mit 50 eine neue berufliche Phase beginnen, vielleicht im Marketing? Das ist ja heute schon oft die Realität. Etwa die Hälfte aller 60-Jährigen MÖCHTE gerne weiterarbeiten, weil Arbeit auch Bestätigung, soziale Selbstverwirklichung und kommunikative Verbindung ist. Dieser Anteil wird weiter steigen und damit auch das Angebot an flexiblen Arbeitsformen, gerade auch in ehrenamtlichen Bereichen. Generell wird das Leben in der Zukunft in anderen Phasen verlaufen – statt „erst lange arbeiten, dann nur noch ausruhen‟, wird es eine bunte Mischung aus mehreren Phasen von Lernen, Aufbruch, Sabbatical, Umorientierung und flexibler Lebensplanung auch in jüngeren Jahren geben. Arbeit und Leben werden nicht mehr so sehr als Gegensätze begriffen wie noch im industriellen System, wo der „Ruhestand‟ einen harten Kontrast zur harten Arbeit bilden sollte. Die Vision vom „Endlich Nichtstun‟ verblasst und an ihre Stelle tritt der selbstbestimmte Unruhestand: Etwas im eigenen Rhythmus tun, sich erreichbare Ziele setzen, aktiv bleiben – das ist das Altern der Zukunft.

Wie stark werden die Generationen noch zusammenhalten, wenn immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren müssen? Was ist dran am Drohszenario des Clash of Generations?

Zum einen werden wir gar nicht so viel Bevölkerungsverlust haben, wie es in den Zeitungen steht. Denn das zahlenmäßige Verhältnis zwischen den Generationen verschiebt sich weitaus sanfter und langfristiger als dort publiziert wird. Wir haben deutlich mehr Zuwanderung und auch die Geburtenrate wird steigen. Deshalb wird Deutschland im Jahr 2050 etwa 75 Millionen Bewohner haben – das wären nur fünf Millionen weniger als heute. Zum anderen waren die Leben der verschiedenen Generationen noch nie so eng miteinander verflochten wie heute: Rund 40 Prozent aller Großmütter kümmern sich regelmäßig und aktiv um ihre Enkel. Und selbst, wenn die Oma am anderen Ende Deutschlands wohnt, gibt es heute so viele Kommunikations- und Mobilitätsmöglichkeiten, dass auch das kein Hindernis mehr ist. Das Verhältnis zwischen den Generationen ist nach einem langen Kulturkonflikt wieder viel entspannter geworden, da die derzeitige ältere Generation die Autonomie der Jüngeren schlicht besser akzeptieren kann. Das liegt nicht zuletzt an der vermehrten Kommunikation. Und auch die Jüngeren verstehen heute, dass sie ihren Eltern viel zu verdanken haben. Dieses solidarische Eingeständnis führt dazu, dass der oft prophezeite „Generationenkrieg‟ ausbleibt.

Was kann jeder Einzelne für ein „erfolgreiches‟ Altern tun?

Es beginnt damit, dass wir das „Altern‟ nicht mehr als eine isolierte Lebensphase am Ende des Lebens begreifen, sondern als einen lebenslangen Prozess. Die Weichen für erfolgreiches Altern werden im jungen Lebensalter gestellt. Wer früh aufgibt, keine Visionen mehr entwickelt und geistig erstarrt, der wird auch im Alter keine hohe Lebensqualität haben. In gewisser Weise fordert uns die Tatsache, dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr alt werden, in allen Lebensstufen dazu heraus, bewusster zu leben. Bildung betrachte ich daher als DEN Schlüssel, damit jemand die Früchte des Alters ernten kann. Allerdings nicht nur formale Bildung im Sinne von Abschlüssen. Es geht ebenso um Herzensbildung, Neugier, emotionale Intelligenz und komplexes Denken.